Der Ausbruch ohne Vorwarnung
Nicht jeder Vulkan kündigt seine Rückkehr zur Aktivität an. Kurz vor Mitternacht vom 28. auf den 29. März 1982 brach El Chichón in Chiapas ohne Vorwarnung und mit unerwarteter Gewalt aus. Anfang April folgten zwei weitere Eruptionen. Da es keine Warnung gegeben hatte, blieb den Bewohnern der umliegenden Dörfer kaum Zeit zur Evakuierung. Der zugrunde liegende Arbeitstext hält fest, dass infolge der Katastrophe etwa 2.000 Menschen ums Leben kamen.
Die Asche des El Chichón ging über einem weiten Gebiet im Süden Mexikos nieder. Auch die etwa 26 Kilometer entfernten Maya-Ruinen von Palenque wurden bedeckt. Rasch entstand die Sorge, dass sich die Asche mit Regen vermischen und eine saure Lösung bilden könnte, die die empfindlichen und fein bearbeiteten Steinoberflächen der Anlage schädigt. Deshalb begannen Arbeiter noch während des Ascheregens mit einer umfangreichen Reinigung der Pyramiden und Tempel.
Vulkanologen stellten später fest, dass der vorherige Ausbruch des Vulkans rund 1.200 Jahre zurücklag. Nach der Eruption von 1982 ließ der Einsturz des Doms in den Krater einen grünen, schwefelhaltigen und sauren See zurück, der sich mit Wasser füllte.



„Draußen ist es stockdunkel.“
Die Notizen von Merle Greene Robertson bewahren den menschlichen Schock des Ereignisses: Dunkelheit am Mittag, Asche im Haus und eine antike Stadt, die plötzlich weiß überzogen war.
Der Auftakt verbindet jetzt Erzählung, dokumentarisches Bildmaterial und Schlüsseldaten, damit die Dramatik des Ausbruchs unmittelbar spürbar wird, noch bevor sich das größere Archiv darunter entfaltet.
Vulkanischer Kontext



Eine Wolke, die um die Welt zog
El Chichón schleuderte mehr als sieben Millionen Tonnen Schwefeldioxid und etwa zwanzig Millionen Tonnen Partikel in die Stratosphäre. Die daraus entstandene Wolke vulkanischer Gase umrundete die Erde innerhalb von drei Wochen und verteilte sich noch drei Jahre später in der Atmosphäre. Man erwartete, dass die zusätzlichen Partikel die Sonneneinstrahlung an der Erdoberfläche verringern und den folgenden Sommer ungewöhnlich kühl machen würden. Im selben Jahr setzte jedoch ein El-Niño-Ereignis ein und glich eine deutliche Abkühlung durch die Vulkanpartikel weitgehend aus.
Der Arbeitstext beschreibt den Ausbruch des El Chichón hinsichtlich der in die Stratosphäre gelangten Gase und Partikel als einen der größten Vulkanausbrüche des 20. Jahrhunderts, der erst 1991 vom Ausbruch des Pinatubo übertroffen wurde. Asche fiel über ein weites Gebiet von Campeche bis San Cristóbal de las Casas in Chiapas. Nach dem Ende der Eruption hatte der Vulkan, dessen Gipfel zuvor auf 1.260 Metern gelegen hatte, rund 200 Meter an Höhe verloren.
Merle Greene Robertson hielt die Erdbeben und den Ausbruch von ihrem Haus Na Chan-Bahlum in Palenque aus fest. Ihr Tagebuch schildert die unheimliche Dunkelheit, die in das Haus eindringende Asche und den Schock, die archäologische Zone nahezu über Nacht verwandelt zu sehen.
„Draußen ist es stockdunkel.“
Am 4. April 1982, dem Palmsonntag, schrieb Robertson mitten am Nachmittag bei Kerzenlicht. Draußen, notierte sie, sei es vollkommen dunkel. Eine Woche zuvor war sie um sechs Uhr morgens aufgestanden und hatte den Tag so dunkel wie mitten in der Nacht vorgefunden. Moises Morales stand an der Tür und hielt eine Handvoll grauen, pulverartigen Materials. Es war Asche von einem Pick-up, der Pichucalco gegen 1.30 Uhr verlassen hatte, als Feuer aus dem Berg brach. Achtzehn Menschen befanden sich in dem Fahrzeug; sowohl der Wagen als auch seine Insassen waren von einer dicken Ascheschicht bedeckt.
Zunächst fiel in Palenque nur wenig Asche, dann hörte der Niederschlag auf, sodass viele glaubten, die Gefahr sei vorüber. Bald traf jedoch die Nachricht ein, dass zwei Ortschaften verschüttet worden waren. Robertson hielt Berichte über schwer verbrannte Opfer fest, die in Krankenhäuser nach Villahermosa gebracht wurden.
Ihr Tagebucheintrag vom 5. April beschreibt den schlimmsten Tag nach dem Ausbruch: Es gab nur wenig Tageslicht, während ein heftiger Sturm aus weißer Asche den ganzen Tag und die ganze Nacht anhielt. Die Asche drang durch jeden Spalt der Fenster in das Haus und lagerte sich auf Fensterbänken, Schränken und Fußböden ab.
Eindrücke der Augenzeugin


Palenque in Weiß
Später ging Robertson zu den Ruinen und fotografierte, was sie sah. Der Osthof, schrieb sie, sei unter der dicken weißen Decke von erstaunlicher Schönheit gewesen. Die Ascheschicht ließ die Konturen der Monumente und Freiflächen weicher erscheinen, bis die Architektur beinahe wie eine einzige skulpturale Masse wirkte. Die Masken von Haus C sahen aus wie weiße Gipsabgüsse in den Wänden; auch das Dach hatte sich auf ähnliche Weise verwandelt.
Die Schönheit der Szenerie verbarg ein dringendes statisches Problem. Arbeiter schaufelten bereits Asche von den Stufen des Tempels der Inschriften, während Lastwagen das angesammelte Material abtransportieren sollten. Dem Bericht zufolge lasteten auf den Dächern einzelner Tempel schätzungsweise rund zehn Tonnen Asche. Ihre Stabilität gab daher Anlass zu großer Sorge, und die Dächer wurden bereits in der frühen Phase des Notfalls geräumt.
Architektonische Details unter der Asche


Robertson fotografierte die Nordgruppe und weitere Teile der Anlage. Sie erwartete außergewöhnliche Vergleiche mit ihren früheren Farbdias, denn der Ausbruch hatte der Landschaft nahezu jede sichtbare Farbe genommen. In ihren Worten war alles weiß geworden.
Dieser deutschsprachige Webartikel basiert auf Rolf Beckers deutschem Arbeitstext “Palenque unter der Asche des Vulkans El Chichón.” Die Augenzeugenpassagen stützen sich auf das in diesem Dokument Merle Greene Robertson zugeschriebene Tagebuchmaterial, “Palenque During the Eruption of El Chichonel,” Human Mosaic, Vol. 19, Nos. 1 & 2, pp. 42–62.
